
Am Potsdamer Platz
Eigentlich hatte ich mich darauf gefreut, hier einen Bericht über einen wirklich schönen Tag und eine erfolgreiche Demo schreiben zu können. Leider kam es anders.
Wir (BlueJay und Spiff) kamen gegen 14.00 Uhr an der S-Bahn-Haltestelle am Potsdamer Platz an. Die befindet sich unmittelbar unter dem Sony Center, je nachdem wo man die Station verläßt, landet man direkt im Sony Center. Das passierte auch uns. Prompt wurden wir vom Sicherheitspersonal des Platzes verwiesen, weil das Sony Center ja apolitisch sei und jegliches Zurschaustellen von Parteiinsignien angeblich verboten sei.
Also haben wir das Sonycenter schnellstens verlassen, viel interessantes gibt’s da eh nicht zu sehen. Kaum das wir draußen waren, waren wir schon von Piraten umgeben. Unmittelbar vor dem Sonycenter stand gerade der Piratentruck. Nachdem dann die Polizei den Truck auch noch mal gefilzt hat, durfte er sich zu den anderen Umzugswagen einreihen. Wir gingen in die gleiche Richtung und schauten uns vor der Bühne um. Ich versuche mal alle Gruppen aufzulisten, die ich vor Ort gesehen habe. Es waren unter anderem vertreten: die Piratenpartei, die Jungen Piraten, die Grünen, die Jungen Liberalen, der AK Vorrat, die PSG (wollen noch linker sein als die Linke), die Linke, Verdi, Anonymous, Handwerkergruppen (die Probleme mit Hausdurchsungen und Meisterbrief haben), Psychiatrieerfahrene (die ein Zeichen gegen Zwangspsychiatrie und Patientenverfügung setzen wollen), der Chaos Computer Club, Fußballfans (die mit Repressalien seiten der Polizei zu kämpfen haben). Es hatten sich sogar 4 versprengte Jusos dort hingetraut. Ob die sich wohl mal ganz genau angucken wollten, wieviel Frust ihre Parteispitze verursacht?

Die Datenkrake
Auf der Bühne wurden bis etwa halb vier Reden von verschiedenen Leuten gehalten, u.a. Verdi-Chef Bsirske. Dann setzte sich der Demotross so langsam in Bewegung. Während des Umzuges liefen wir fast den gesamten Demotross ab. Es wurde getrommelt, gesungen und mit Rufen wie “Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns unserer Freiheit klaut” Stimmung gemacht. Die Berliner Demokultur ist schon beeindruckend, die Demoteilnehmer waren unheimlich kreativ. Einige Teilnehmer liefen als Kamera verkleidet mit, viele hatten individuelle Plakate gebastelt, die Datenkrake war auch am Start. Das Wetter hat auch mitgespielt und es herrschte eien fröhliche und ausgelassene Stimmung. Sogar die Polizei verhielt sich vorbildlich bis auf einige schwarze Schafe vorbildlich.

Kamera, Kamera an der Wand, wer ist der verdächtigste im ganzen Land?
Diese versuchten durch Einschüchterungsversuche, Personenkontrollen und den Vorwurf der Vermummung die Demoteilnehmer zu provozieren, was aber nicht gelang. Es ist schon ein bißchen schizophren, wenn zwar einerseits normale Beamte mit Anti-Konflikt-Team-Westen auf der Demo unterwegs sind, aber andererseits Polizeibeamte in voller Kampfmontur die Demoteilnehmer einzuschüchtern versuchen. Aber gut, dafür können die Beamten vom Anti-Konflikt-Team sicherlich nichts. Ich habe mich mit denen ein wenig unterhalten, weil ich das noch gar nicht kannte, und die machten einen freundlichen und besonnenen Eindruck. Es sei an dieser Stelle noch kurz erwähnt, daß entlang der Strecke der Demo 116 Kameras hängen. Trotzdem hielt die Polizei es, entgegen ihrer Zusagen, für notwendig, die ganze Demo zu filmen.

Big Camera is watching you
Zwischen 18.30 und 19.00 Uhr haben wir uns dann mit einem guten Gefühl auf den Heimweg gemacht. Die Polizei gab an, daß es etwa 10.000 Demonstaranten waren, der Veranstalter will 25.000 gezählt haben, die Wahrheit wird wohl wie immer irgendwo in der Mitte liegen. Für mich war es eine gelungene Veranstaltung. Leider wurde mein rundum positiver Eindruck ziemlich getrübt, als ich nach Hause kam und mal im Internet nach Eindrücken und Berichten von der Demo gesucht habe. Ich stieß dabei auf ein Video, was leider mittlerweile schon traurige Berühmtheit erlangt hat. Wer sich zu dem Thema informieren möchte, dem kann als erste Anlaufstelle
fefes Blog empfehlen, dort gibt es auch einen Haufen Links zu verschiedenen Zeitungen, Nachrichtensendern und Blogs, die sich mit dem Thema auseinandergesetzt haben.
Fazit: wenn man in Deutschland öffentlich für Freiheit eintritt, muß man aufpassen, daß man nicht ordentlich eins auf die Fresse bekommt. Da ist mir auch wieder sehr bewußt geworden, warum ich bei den Piraten bin, so etwas darf einfach nicht passieren.
Ein Polizeieinsatz darf kein rechtsfreier Raum sein, in dessen Anonymität Polizisten Straftaten begehen können, die nicht aufklärbar sind.
Bereit machen zum ändern.